"Gedern entdecken"

Gelungener Auftakt der Gederner Kulturtage. Sie können das Gederner Mal- und Lesebuch telefonisch bestellen unter 06045-2834 oder über den Button "Kartenvorbestellung". mehr »

Pressebericht

Macht die Gesellschaft einen Menschen zum Verbrecher?

Schuldfrage steht im Mittelpunkt von Martin Menners Bühnenfassung eines Schiller-Textes

Durch die Fenster schimmern die letzten Strahlen der schwindenden Abendsonne in den Wappensaal des Gederner Schlosses. Ein tiefer, rhythmisch schlagender Bass durchdringt den Raum. Alle Augen sind auf die Bühne gerichtet. Vor schwarzem Hintergrund steht ein Rednerpult, am Rand ein kleiner, unscheinbarer Tisch. Ein Stuhl dahinter. Auf der anderen Seite sieht man einen Monitor und eine Kamera. Die Szene erinnert an ein Verhörzimmer. Auf dem Tisch ist ein Mikrofon befestigt. Das und ein weißer Plastikbecher verstärken das beklemmende Gefühl von Enge.

Immer lauter und schneller wird das Pochen, es erinnert an rasenden Herzschlag, sphärische Klänge setzen ein. Lichter gehen an, als ein Mann die Bühne betritt. Mit weißen T-Shirt und schwarzem Jackett bekleidet, führt Schauspieler Martin Menner das Publikum in seine Bühnenfassung von Friedrich Schillers Prosatext „Der Verbrecher aus verlorener Ehre“ ein. Die Schuldfrage hinter einem Verbrechen, die Unterscheidung zwischen Straftaten aus niedrigen Beweggründen, Verbrechen aus Affekt sowie geplanten und perfide ausgeführten kriminellen Akten sei das beherrschende Thema des Stückes und seiner Fassung.

„Begierde, Neigung und Bedürfnisse“ seien die Grundlagen jeglichen menschlichen Handelns. Wo hört die Moral auf und wo fängt der Frevel an? Ist es die Gesellschaft, die Menschen durch unglückliche Umstände zu Verbrechern macht? Können Gesetze wider moralische Grundsätze guten Gewissens gebrochen werden? Wo hören Empathie und Mitgefühl auf und wann ist Hilfsbereitschaft nur ein Akt der Selbstprofilierung, wann zerstört die Sucht nach Anerkennung den Charakter? Es sind Fragen wie diese, denen der Schauspieler auf Einladung des Gederner Kulturkreises nachgeht, indem er einen der wenigen Prosatexte Schillers geschickt auf die Bühne bringt. Als Soloprogramm, bei dem er in etwas mehr als einer Stunde zwischen dem Wilddieb Christian Wolf und dem Dozenten wechselt, der die Geschehnisse kommentiert.

Als Menner die Bühne verlässt, verschwinden die Konturen des Saales wieder in der Dunkelheit, während die Lebensgeschichte Wolfs verlesen wird. Um seine geliebte Johanne zu gewinnen, wird der verarmte Halbwaise Christian Wolf zum Wilderer. Der Mittellose bringt ihr seine Beute, um seine Liebe zu beteuern. Vom Jäger und Nebenbuhler Robert verraten, kauft sich Wolf vor einer möglichen Strafe frei, beendet aber das Wildern nicht. Diesmal kann er einer Strafe nicht entkommen und muss eine einjährige Haftstrafe absitzen, nach deren Verbüßung er immer tiefer in den Strudel des Verbrechens gezogen wird und letztlich zu drei Jahren Zwangsarbeit in einer Festung verurteilt wird. Gedemütigt, in seinen Überzeugungen verletzt, verlassen und verbittert, entlädt er seine Frustration im Hass auf die gesamte Menschheit.

In der Rolle des aus der Haft entlassenen Christian Wolfs durchlebt Martin Menner die Hölle. Ausgestoßen von der Gesellschaft, versinkt er immer weiter im Sumpf des Verbrechens. In seiner Heimatstadt wird er geächtet. Mit einem auf die Schulter tätowierten Galgen ist er als Krimineller gebrandmarkt. Er kann nicht mehr lieben und verstößt Johanne als „Soldatenhure“. Schließlich verliert er jegliche Hemmungen, findet Befriedigung im Brechen des Gesetzes und erschießt Robert, der ihn einst verriet und damit den Verlust seiner Ehre einleitete.

Zeitweise führt er eine Räuberbande an, verübt schwere Straftaten, doch mordet niemals wieder. Geplagt von immer stärker werdenden Gewissensbissen und der Angst vor Strafverfolgung, flieht Wolf, wird jedoch aufgegriffen und landet vor einem Richter, dem er seine wahre Identität beichtet. Das bringt ihn letztlich an den Galgen. Seine Ehre vor sich selbst gewinnt er durch das Geständnis zurück. Letztlich sieht man einen Mann, der wie im Verhör über sein verpfuschtes Leben reflektiert, Ursachen für sein Handeln sucht und die Beschränktheit des menschlichen Lebens schmerzlich zu spüren bekommt. Einmal getan, lässt sich keine Handlung rückgängig machen. So aufrichtig die Reue sein mag.

Seines blauen Overalls entledigt, steht Menner mit freiem Oberkörper vor der Menge. Blickt mit wirren Augen durch den Saal, schreit das Geständnis aus seiner Rolle heraus und verlässt die Bühne, wie er sie betrat.

„An den Gedanken des Verbrechers liegt uns weit mehr als an der Tat selbst, an den Ursachen mehr als an den Folgen.“ Nach mehreren Aufführungen des Stückes in Gefängnissen, intensiven Gesprächen mit Häftlingen während der Vorbereitung seiner Bühnenfassung ist Menner überzeugt, dass die Frage, wer die Schuld an einer Verbrecherkarriere trägt, nie eindeutig beantwortet werden kann. Auch Schiller habe in seiner Novelle verdeutlicht, dass sowohl Gesellschaft und Justiz, aber auch das Individuum Verantwortung tragen. Viele Gefangene, denen Menner begegnete, hätten eine ähnliche Laufbahn wie Wolf hinter sich, gäben meist der Gesellschaft und den Umständen die Schuld, doch hätten sie ihm stets bestätigt, wie aktuell Schillers Text noch heute sei, fast 250 Jahre nach der Veröffentlichung.

Im Gedanken mit den erwähnten Fragen beschäftigt, verließen die begeisterten Besucher nach dem Auftritt den Wappensaal. Menner jedenfalls stellte eindrucksvoll unter Beweis, dass Schillers Appell an das Kreieren „wahrer Kunst“ auch heute noch nicht ungehört verhallt. 

Quelle: Kreis-Anzeiger, 12.04.2011