Vox Humana
Die alten, jungen Melodien bezauberten
GEDERN (em). Die Aktiven des Kulturkreises Gedern konnten aufatmen - sie hatten nicht umsonst im Wappensaal des Schlosses Stühle gestellt und einen kleinen Pausenimbiss samt Sekt zur Begrüßung vorbereitet. Trotz des unfreundlichen Schneewetters kamen immerhin 70 Interessierte, um die heitere Revue "Die goldenen zwanziger Jahre" zu genießen. Die stellvertretende Kulturkreisvorsitzende Gabi Bieger konnte gewissermaßen alte Bekannte als Ausführende begrüßen. Das Vox-Humana-Ensemble gastierte schon öfter in Gedern und hat sich hier einen guten Bekanntheitsgrad erworben. Und nun waren sie wieder da, die Sängerin Beate Doliwa, der Pianist Gerhard Schaubach, der Sprecher Klaus Waldschmidt. Beate Doliwa hatte Verstärkung mitgebracht: Gisela Kalwak, Maren Richter, Anita Eschborn und Katja Lehmberg. Die Frauen nehmen bei ihr Gesangsunterricht, traten hier im Chor und als Solistinnen auf und erinnerten an die charmanten Damenquartette, die Revuesängerinnen der Roaring Twenties.
"Mein kleiner grüner Kaktus", "Veronika" oder das "Fräulein Helen" - wie hätten in einem solchen Programm Titel der Comedian Harmonists fehlen dürfen? Von Schaubach spritzig gespielt, von den Sängerinnen mit ein wenig augenzwinkernder Schauspielerei vorgetragen, bezauberten die alten, jungen Melodien das Publikum. Dazwischen sprach Waldschmidt Gedichte und Satiren von Kästner, Tucholsky und Brecht vor. In ihrer respektlosen Ironie, ihrer hellsichtigen Zeitbeobachtung wirkten sie überraschend aktuell, etwa Brechts Arbeitslosen-Text oder die zynischen Verse des Bettlerkönigs Peachum aus der Dreigroschenoper. Freilich wurden sie oft recht unverbunden neben einander gestellt, allzu locker hingeplaudert. "Die Zeit fährt Auto" ist nicht etwa, wie Waldschmidt meinte, von Tucholsky, sondern von Erich Kästner. Ein wenig mehr Zeithintergrund hätte den berühmten "Roten Faden" gegeben, wäre auch den Satiren, den Gedichten gerechter geworden. Schließlich waren sie keine Comedy-Luftblasen um des platten Amüsements willen, sondern anklagend, aufrüttelnd, empört bei allem Witz der Formulierungen.
Eher brachten die musikalischen Beiträge Zeitatmosphäre der Zwanziger Jahre in den Saal : Doliwa sang mitreißend Gershwins "I got rhythm", Maren Richter holte sich lebhaften Beifall für "I can´t help loving dat man" von Jerome Kern. Gisela Kalwak und Anita Eschborn beschworen den unvergessenen "Schönen Gigolo" herauf. Katja Lehmberg und Gisela Kalwak versetzten das Publikum bei "Ich tanze mit Dir in den Himmel hinein" in tiefe Nostalgie, ehe es dann mit "O Donna Clara" in die Pause entlassen wurde.
Mit einem Tango von Ballando wurden die Zuhörer auf ihre Plätze zurückgelockt. So suggestiv spielte Schaubach, dass sich einer Zuhörerin der tief gefühlte Seufzer "Dess war schiiie" entrang. Überhaupt ging es dem Publikum an diesem Abend gut. Ein Herr im Silberne-Schläfen-Alter wurde nach vorne entführt. "Du hast Glück bei den Fraun, bel ami . . ." Und wenn es zehnmal der Titelsong eines Filmes war - welcher Mann wäre da nicht zutiefst geschmeichelt, wenn ein fünfköpfiger Damenflor ihn schmachtend ansingt?
Waldschmidt hatte tatsächlich Gereimtes mit Esprit gefunden, etwa Tucholskys Ballade vom Landrat und dem schönen Halbblut Ines Kaludrigkeit - Liebe unter einem Unstern. Er erinnerte an die femmes fatales der späten Zwanziger, an Asta Nielsen, Pola Negri, Marlene Dietrich und schon hatte sich Doliwa mit wenigen Handgriffen in einen Vamp verwandelt und sang "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt".
Ein wenig Charleston, Ringelnatzens Nonsense-Gedicht vom Bumerang, das Chanson "Ich brauche keine Millionen", Weinerts böses Gedicht "Geist und Stoff" vom Philologen und dem leichten Mädchen, Kästners zynische "Entwicklung der Menschheit", Robert Stolzens "Auch du wirst mich einmal betrügen", Peter Kreuders "Ich brauche keine Millionen" und andere kleine musikalisch-literarische Wunderkerzen mehr - "Vox humana" fand ein begeistertes Publikum und wurde nicht ohne Zugaben entlassen.
Quelle: Kreis-Anzeiger, 11.03.2006
